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Artikel des Gäubote vom 30.04.2013

Der englischen Chormusik gehuldigt

Herrenberg: Stuttgarter Kammerchor singt in der Stiftskirche

Einen sowohl optisch als auch akustisch einwandfreien Auftritt legte „concerto vocale stuttgart“ am späten Sonntag in der Stiftskirche hin. Unter Leitung von Chorgründer und Leiter Hartmut Dieter singt die 32-köpfige Gruppe vorzugsweise wenig bekannte, anspruchsvolle Werke der romantischen Englischen Chormusik.

Von Arne Bauer

„Haec dies“ beginnen die klaren Frauenstimmen ihren Gesang. Nach und nach durchweben diese sich mit den erst hohen, dann auch tieferen Männerstimmen – die Töne sitzen. Das kurze Stück von William Byrd nimmt Fahrt auf, versprüht Heiterkeit und Leichtigkeit. Wesentlich dramatischer kommt Richard Derings „Factum est silentium“ daher: Im Text, der mitunter schwer verständlich, aber im am Kircheneingang erhältlichen Handblatt nachzuverfolgen ist, erzählt der Komponist vom Kampf des Erzengels Michael mit einem Drachen. Organist Antal Váradi unterstützt die kräftigen Männerstimmen, im fließenden Mittelteil fehlt es dem leiser gesungenen „Alleluja“ in der großen Kirche etwas an Klarheit.

Über 100 Zuhörer lauschen am Sonntag in die Stiftskirche der Englischen Chormusik. 1993 grüundete der Stuttgarter Hartmut Dieter den Chor, der sich insbesondere auf unbekanntere Werke im A-cappella-Bereich konzentriert. Insbesondere die Epoche der Romantik findet wegen des großen Anteils an benötigten Männerstimmen und dem häufig obligatorischen Orgelpart kaum Einzug ins Repertoire deutscher Chöre – ein Defizit, dem „concerto vocale“ die Stirn bietet.

Schwermütig und klagend

„Sei mir gnädig, Herr, denn ich bin schwach“, bittet Orlando Gibbons in seinem Werk um Vergebung. Dementsprechend schwermütig und klagend klingt sein Werk „O Lord, in thy wrath“. Das nachfolgende Stück knüpft thematisch an, vor allem Henry Purcells Männerstimme schmeichelt dem Ohr des Zuhörers. Gegen Ende schlägt dann auch die Stimmung ins Positive um, die Melodien springen und verkünden Hoffnung. Beeindruckend auch die Passagen der Solistin Melanie Schlerf: Optisch auf der breiten Bühne etwas verloren, trifft dies auf die glasklare Stimme der Sopranistin keineswegs zu. In Charles Villiers Stanfords „A Song of Freedom“ ist sie auf sich gestellt, der Chor stimmt bei Mendelssohn Bartholdys „Hear my prayer“ mit ein – ein stimmgewaltiges Wechselspiel, das die Aufregung des Stückes transportiert. Wie bereits zuvor schlägt die Stimmung zum Abschluss um und gleitet ins Träumerische: „O hätte ich die Flügel einer Taube“.

Ihr volles Stimmbild entfalten die Stuttgarter beim vorletzten sonntäglichen Stück. „Filled with the glory“ schmettern die Sänger, begleitet von der trällernden Orgel, die das Tempo zum Ende wieder bremst und einen geschmeidigen Schluss einleitet. Beschränken sich die Aufgaben Váradis während der Chorbegleitung noch aufs Obligatorische, tobt er sich bei den Zwischenspielen aus: Quicklebendig fliegt er über die Tasten. Eine majestätische Komposition erinnert an Fanfaren, steigert sich ins Brachiale und endet ohne Auflösung der Spannung abrupt. Einer schaukelnden Fahrt gleicht zum Abschluss Rutters „Cantate Domino“. Vom Englischen wechselt der Text zum Finale ins Lateinische. Anhaltender Applaus entlockt dem Stuttgarter Kammerchor eine Zugabe.

(Gäubote, 30. April 2013)

Weit aufgestellt

Concerto vocale Stuttgart in der Motette

Tübingen. Ein kompaktes, aber umso erleseneres Programm brachte der Kammerchor Concerto vocale Stuttgart in der Motette zum Palmsonntag mit. Namentlich der so gut wie unbekannte Andreas Hakenberger – um 1600 Komponist am musikalisch herrausragenden Hof des schwedisch-polnischen Königs Sigismund III. Wasa – war eine Entdeckung.

Concerto vocale wird seit seiner Gründung 1993 von Hartmut Dieter geleitet, dem Tübinger Publikum als Dirigent des Katholischen Hochschulchors vertraut. Mit fast 50 Sängerinnen und Sängern bewegt sich die Besetzungsgröße an der oberen Grenze eines Kammerchors. Zudem war Concerto vocale im doppelchörigen Programm bewusst weit aufgestellt, mit Echo-Effekten in den außen postierten Frauenstimmen – eine Klanglandschaft aus solistischen Einsätzen.

Die Textgestaltung war detailliert und kleinteilig gearbeitet, was in der Stiftskirchenakustik leider oft verschwamm. Hier fehlte mitunter der große Zug durchs Ganze. Auch mischte sich der betont solistische Zugriff selten zu einem homogenen Gesamtklang, verstreute und vereinzelte sich stark. Oft wirkte es, als sänge der Chor aus einer weit größeren Entfernung. In der Farbgebung transparent aufgestellt, aber immer abschattiert und mattiert, klang auch die Sopranhöhe oft gedeckt, österlich fahl.

Bei zwei doppelchörigen Motetten aus Heinrich Schütz’ „Psalmen Davids“ mit Basso Continuo (Ulrich Schneider, Cello; Bertram Rein, Kontrabass; Hermann Trefz, Truhenorgel) setzte sich das tragfähige Instrumentalfundament schön kraftvoll in den Chorfarben fort.

Eine besondere Stärke des Concerto vocale liegt in seinem treffenden Textausdruck, noch deutlicher als bei Schütz vernehmbar in zwei A-cappella-Motetten: Bei Giovanni Gabrielis Kreuzanbetung „O Domine Jesu Christe“ tasteten sich Einsätze wie im Dunkeln vorwärts, setzten einzelne Lichtpunkte, griffen von dort weiter aus. In Hakenbergers „Dulcis Jesu, pie Deus“ entwickelten sich die verzweifelten Rufe „ad te clamo“ und „ne repellas“ („zu dir rufe ich“, „stoße mich nicht zurück“) organisch aus dem Klang, gingen wieder darin zurück.

Hauptwerk der Motette war Domenico Scarlattis halbstündiges „Stabat Mater“ für zehnstimmigen Chor und Continuo, unterbrochen durch Gebet und Vaterunser. Auch hier gab es wieder die ausdrucksstarken Textmomente, wenn etwa bei „dum emisit spiritum“ („als er aufgab seinen Geist“) ein überirdischer Hauch durch den Klang zu gehen schien. In den rhythmisch bewegteren Fugati schloss sich auch der Chor homogener zusammen. ach

(Tübinger Tagblatt, 6. April 2009)

Wendiger Chor

Concerto Vocale in der Christuskirche.

Anlässlich des Zehn-Jahr-Jubiläums beschenkten Hartmut Dieter und der Kammerchor Concerto Vocale sich und die Zuhörer in der Christuskirche mit einem opulenten Konzert, das die von ihrer Dauer her alles andere als „kleine” Petite messe solennelle Gioachino Rossinis noch mit vier weiteren geistlichen Werken Rossinis und Verdis abrundete. Dieter entlockte seinem wendigen Chor eine dynamisch schattierungsreiche, Text und Musik diffizil umsetzende Ausdruckshaltung.

Die Vokalsolisten (Lydia Zborschil, Barbara Link, Donat Havar, Michael Nagy) wussten im Ensemble trotz ihrer unterschiedlichen Timbres eine Einheit zu bilden; in den Soli entgingen sie erfolgreich einer mitunter nahe liegenden Süße. Klavier (Miho Yoda-Beyer und Peter Beyer) und Harmonium (Gabriele Gruber) schmiegten sich dem Vokalpart weich an, ohne die Klanggestalt auf eine betont prägnante Durchzeichnung hin auszurichten. thb

(Stuttgarter Nachrichten, 15. Mai 2003)